Blog - Texte zum Nachdenken

 

EVANGELIUM UND MEIN LEBEN

PFINGSTZEIT

von Engelbert Fischer, Pfarrer i. R., Schopfheim

Der Wind weht, wo er will, Du hörst sein brausen wohl, aber Du weißt nicht woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem Geistgeborenen. (Joh 3,8)

Den Wind kann man hören, man kann ihn aber auch sehen: wenn er seine Spuren und Figuren für Augenblicke in eine Wiese oder in ein Getreidefeld hereinweht. An den einzelnen Halmen kann man ja allerdings nicht viel sehen: ein Bewegtsein, eine Beugung, ein Erzittern vielleicht. Aber dann ist wieder alles still wie vorher.

So mag sich einer fühlen, wenn er seine Seele zur Gotteswelt erhebt: ein wenig berührt und bewegt, in innerer Demut gebeugt, leise erzitternd vielleicht.

Und ein anderer mag nüchtern fragen: Na und? Was hat das gebracht? Ist nicht nachher alles genauso wie vorher?

Ja, schon. Nur eines ist anders. Unter dem Wehen des Windes ist das Feld fruchtbar geworden. Goldene Körner können reifen.


...WIE EVANGELIUM SPRICHT...

IN DER JOHANNI-ZEIT

Engelbert Fischer, Pfarrer i.R., Schopfheim

Ihr selbst könnt bezeugen, dass ich sagte: Ich bin nicht der Christus, sondern vor ihm hergesandt. Wer die Braut hat, der ist der Bräutigam. Aber der Freund des Bräutigams, der steht und auf ihn hört, der freut sich hoch über des Bräutigams Stimme. Diese meine Freude ist nun erfüllt.  (Johannes 3,28)

Der Freund des Bräutigams war dazumal nicht irgendeiner von vielen, sondern er hatte ein Ehrenamt bei der Hochzeit. Im Dunkel der einbrechenden Nacht nämlich, wenn der Bräutigam kam, um die Braut im Brauthaus abzuholen, musste der Freund unter den vielen Stimmen in der finsteren Gasse die Stimme des Bräutigams heraushören und der Braut dann sagen: "Jetzt! Mach dich bereit! Er ist schon ganz nah!"

Die Stimme Christi kennenlernen und dann im Dunkel der Nacht erkennen können, kann in Stunden der Ratlosigkeit, Verwirrung und Verirrung lebensentscheidend werden. Denn wenn man in Not ist und nicht weiter weiß, dann reden ja viele Stimmen in der Seele durcheinander: verlockend und warnend, ablenkend oder bedrängend.

Nicht nur die Menschheit damals brauchte den Wegbereiter, der die Stimme des Bräutigams kannte. Auch wir heutigen können uns zu Freunden des Bräutigams machen, um im dunklen Durcheinander unserer Seele sagen zu können: "Jetzt! Das ist seine Stimme! Sei bereit!"


 ...WIE EVANGELIUM SPRICHT...

IN DER SOMMER-ZEIT

Engelbert Fischer, Pfarrer i. R., Schopfheim

Und Jesus kam in die Gegend von Cäsarea-Philippi. Und auf dem Wege fragte er seine Jünger: Was sagen die Menschen von mir, wer ich sei? Sie sprachen: Sie sagen, du seiest Johannes der Täufer, andere sagen: Elias, wieder andere: du seiest einer der Propheten. Da fragte er: Und Ihr, was sagt ihr?  (Markus 7,27)

Warum eigentlich haben damals nur so wenige den Christus in Jesus erkennen können? Was könnten wir heute besser machen, wenn er uns gegenwärtig wird?

Sicherlich waren da Erwartungen und Vorstellungen, denen er nicht so unbedingt entsprach. Aber die Antworten auf seine Frage: "Was sagen die Menschen von mir?" zeigen noch etwas anderes Hinderliches: Diese Aussagen sind ja richtig, wenn und solange sie nur beschreiben, was sie an ihm erleben konnten: Johannes der Täufer, Elias oder einen anderen Propheten. Denn deren Wirksamkeit war ja in seinem Wesen gegenwärtig. Aber dieselben Aussagen sind unzulänglich und daher falsch, wenn sie zum gültigen Urteil erhoben werden.

Wesens-Erkenntnis ist nie ein fertiges Ergebnis. Sie bleibt ein lebendiger Weg. Ein guter Lehrer fordert ja auch seinen Schüler auf: "Schau mal hin, was siehst du? Und schau noch einmal, was siehst du jetzt?" und weiß dann, worauf er vielleicht noch weiter aufmerksam machen muss.

Das ist, was wir heute besser machen können: bewusst werden, was wir an seiner Gegenwart erleben, und daran noch fragender und noch aufmerksamer werden!

Und üben können wir das auch unter uns: Wer ist das eigentlich, der da neben mir geht und steht? Ist mein Nachbar nicht noch viel mehr, als ich schon an ihm erlebte? - Durch solches stilles Üben können sich Urteile lösen und Seelenaugen wacher werden.